Stadtlabore

Das Vorhaben steht im Kontext der tiefgreifenden, multiplen sozio-ökonomischen Transformationsprozesse, die Städte und Regionen vor enorme Herausforderungen stellen, wie der Demographische Wandel, die Energiewende, Schrumpfungsprozesse und der Verlust von Erwerbsstrukturen. In der Region Anhalt in Sachsen-Anhalt sind deren unmittelbare Auswirkungen in den Klein- und Mittelstädten gut abzulesen: Rückbau ganzer Stadtteile, hoher Kostendruck bei der Infrastruktur, negative Entwicklungen auf dem Immobilienmarkt. Exemplarisch für die damit verbundenen städtebaulichen Herausforderungen wird die Stadt Bitterfeld-Wolfen betrachtet, die besonders gut geeignet erscheint, um neue Ansätze für eine sozial-ökologische Stadtentwicklung zu entwickeln und erproben. Die Stadtverwaltung Bitterfeld-Wolfen hat hierfür geeignete Vorschläge für Quartierstypen im Stadtgebiet gemacht die die Transformationsprozesse und städtebaulichen Herausforderungen in besonderer Weise abbilden. Diese Orte in der Stadt Bitterfeld-Wolfen sind zeitgleich auch die Handlungsschauplätze der Stadtlabore, die die Plattform für eine sozial-ökologische Stadtentwicklung in der Stadt sind.

Damit wird auch die tragende Rolle der Stadtverwaltung Bitterfeld-Wolfen im Projekt realisiert. Es sind die von der Stadt definierten Orte und Flächen, die typisch für die Gestaltungsherausforderungen der schrumpfenden Stadt sind. Unterstützend werden die Stadtentwicklungsgesellschaft und die Stadtwerke Bitterfeld-Wolfen als weitere kommunale Einrichtungen im Vorhaben mitwirken. Auch die Ansprache der städtischen Wohnungsgesellschaften ist – insbesondere, wenn es um gebäudeintegrierte Photovoltaik oder die Abwärmenutzung geht – eine weitere Option mit kommunalen Akteuren zu arbeiten.

Vier Quartierstypen

Stellvertretend für je einen Quartierstyp wurden vier Orte in der Stadt ausgewählt und für jeden Ort ein Steckbrief sowie eine Konstellationsanalyse erstellt. Kriterien für die Auswahl waren:

  • Orte, die Unterstützungsbedarf für ihre Entwicklung brauchen
  • Orte mit hohem Potenzial für „positive Stadtentwicklung“
  • Potenziell interessante Akteurskonstellationen

 

Quartierstyp: Großwohnsiedlung in industrieller Fertigteilbauweise

allgemeine Beschreibung:

Großwohnsiedlungen (GWS) stellen Quartiere oder auch ganze Stadtteile dar, die nach einem einheitlichen städtebaulichen Konzept errichtet sind. Man spricht ab einer Größe von 2500 Wohneinheiten von einer Großwohnsiedlung (vgl. Großsiedlungsbericht der Bundesregierung). Prägendstes Merkmal des Quartierstyps ist seine Fertigung/ Errichtung in industrieller Bauweise, ähnlichen, bzw. gleichförmigen Typologien und seiner Größe/ Anzahl von Wohneinheiten (WE). Die Notwendigkeit einer solchen Siedlungsentwicklung ergibt sich in den Nachkriegsjahren durch eine ausgeprägte Wohnungsnot in Folge von massiven Kriegszerstörungen und den Zuzug von Flüchtlingen. Handlungsleitend ist hierbei das Leitbild der Moderne, als Gegenentwurf zur kompakten industriellen Stadt des 19/20 Jahrhunderts.

Den Vorstellungen der städtebaulichen Moderne folgend orientieren sich GWS an Leitbildern wie „gegliederte, aufgelockerte Stadt“ oder „Urbanität durch Dichte“. In der Konsequenz entstehen die GWS als reine Wohnstandorte als ein Stadtbaustein in der funktional gegliederten Stadt (Trennung von Wohnen und Arbeiten). Ausnahmen bilden die Nahversorgung und Einrichtungen im Umfeld sozialer Infrastruktur. Diese bilden zugleich auch das Angebot an Arbeitsplätzen in der GWS. Baulich erfolgt eine Anordnung der Baukörper in Zeilenbauweise, in gleichförmigen, typisierten Baukörpern und Elementen. Durch die industrielle Bauweise und Errichtung der Baukörper nehmen auch Faktoren aus dem Baubetrieb Einfluss auf die städtebauliche Erscheinung der GWS, etwa durch Kranspiele. Die GWS werden meist in städtischen Randlagen errichtet. Die Erschließungsstrukturen und die Anbindung sind hierbei meist auf das eigene Auto hin ausgerichtet, bzw. zusätlcih durch eine Anbindung an den ÖPNV.

Die Großwohnsiedlung ist der entscheidende Baustein der Wohnungspolitik der Nachkriegsjahre in beiden ehemaligen deutschen Staaten und Schlüssel für eine Wohnraumversorgung breiter Bevölkerungsschichten. Die Entwicklung der GWS ist hierbei maßgeblich den staatlichem Rahmensetzungen und Förderungen unterlegen. Die Entwicklung der GWS in Ostdeutschland erfolgt durch eine zentralstaatliche Steuerung (Plankommission) im Hinblick auf Planung, Bau und Belegung der Wohnungen. Die Vergabe der Wohnungen erfolgt nach gesellschaftlichem Verdienst (Arbeiter) oder nach Bedürftigkeit. Im Gegensatz dazu erfolgt die Planung von GWS in Westdeutschland auf Basis von langwierigen Planungsprozessen und durch entsprechende städtebauliche Wettbewerbe. Die Belegung erfolgt häufig im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus. Diese einseitige Belegungspolitik ist u. a. auch der Grund für eine spätere Kritik an der GWS und einer breiten Stigmatisierung als „Problemquartier“. In der Konsequenz erfolgten umfangreiche Nachbesserungen an den Quartieren.

Die GWS in Ostdeutschland ist bis zu Beginn der 90er Jahre ein gut durchmischter Quartierstyp, der lange als beliebter Wohnstandort gilt. Neben einsetzenden sozio-ökonomischen Veränderungen, führen auch die durch die uniforme Gestaltung der Siedlungen geringe architektonische Qualität und ein enormer Sanierungsbedarf zu einem Zerfall der einstigen Bewohnerstruktur. Hieraus ergab sich ein massiver Stadtumbau (Förderprogramm Stadtumbau Ost) in Form von Anpassungen der vorhanden Wohneinheiten an den tatsächlichen Wohnungsbedarf durch Rückbau ganzer Quartiere.

Die sich aus der Konsequenz des Rückbaues ergebende Fragmentierung und „Verinselung“ ganzer Stadtteile mit ihren Infrastruktursystemen und frei werdenden Flächen stehen in einem besonderen Fokus des Projektes. Im Projekt geht es um die Schaffung etwas „Neuen“, also unter Ausnutzung der lokal verfügbaren Ressourcen, neue Konzepte für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu erdenken. Hierzu gehören Lösungen für schrumpfende Großwohnsiedlungen, Umgang mit Infrastruktur, und sog. Stadtumbauflächen zu entwickeln.

 

Stadtlabor „Wohnkomplex 4/4“:

Im Rahmen des Projektes ist die Großwohnsiedlung in Wolfen-Nord, insbesondere der Wohnkomplex 4 (WK 4/4) Untersuchungsgegenstand für den Quartierstyp „Großwohnsiedlung in industrieller Fertigteilbauweise“.

Der Leerstand in diesem Quartier nimmt aufgrund der Bevölkerungsentwicklung und der Entscheidung, dort keine öffentlichen Mittel mehr zu investieren, stetig zu. Der Altersdurchschnitt ist mit 54 Jahren (Stand: 2015) allerdings vergleichsweise niedrig, weil es sich um den zuletzt (noch bis 1991) errichteten Wohnkomplex mit dem gut akzeptierten Typ WBS 70 handelt.

Das vorliegende Entwicklungskonzept soll gegenwärtig dem Bedarf und Möglichkeiten der Interessengruppen (aktuelle Eigentümer, Mieter, Stadt, potenzielle Investoren) angepasst werden. Hierbei stellt das Merkmal der Sicherstellung von Wohnraum zu bezahlbaren Mieten laut eigener Aussage aktuelle Eigentümer und potenzielle Investoren vor große Herausforderungen. Dabei hat sich die kommunale Wohnungsgesellschaft für den vollständigen Rückzug aus dem Quartier entschieden, während die Wohnungsgenossenschaft aus betriebswirtschaftlichen Gründen und infolge der Akzeptanz des Wohngebietes bei Genossenschaftsmitgliedern/ Mietern Mieteinheiten für knapp 1.000 Bewohner erhalten will. Der Umbau der Gebäude zur Schaffung zukunftsfähigen Wohnraums findet erst spät und in zu geringem Umfang statt. Die zeitliche Realisierung von Umbaumaßnahmen (z.B. Zusammenlegung von Wohneinheiten, Veränderungen von Grundrissen, Anbau von Balkonen) ist wegen der geringen Investitionsspielräume der Unternehmen von der Bereitstellung städtebaulicher Förderinstrumente und -mittel abhängig. Folglich werden sie nur in kleinen Schritten und unter Ausnutzung aller Sparmaßnahmen durchgeführt.

 

Kurzprofil des Quartierstyps:

  • Mehrfamilienhäuser in Stadtrandlage mit klar genormten und einheitlichen Wohnungen
  • Infrastruktur- und Versorgungseinrichtungen vorhanden
  • sozioökonomische und demographische Herausforderungen
  • vergleichsweise homogene Bevölkerung hinsichtlich Alter und Einkommen
  • schlechtes Image
  • Umbau und Aufwertung gestaltet sich aufgrund der sozioökonomische und demographische Herausforderungen schwierig, obwohl die baulich-technischen Voraussetzungen für eine energetische Sanierung gut sind

Quartierstyp: Innerstädtische Brache in zentraler Lage

allgemeine Beschreibung:

Der Quartiers- bzw. Standorttyp der innerstädtischen Brachfläche verfügt über keine verbindliche und einheitliche oder gar gesetzliche Definition. Kennzeichnend ist vor allem, dass es sich bei Brachflächen aus Sicht der räumlichen Planung um vorübergehende Zustände handelt und die dementsprechend bezeichneten (Bau-)Flächen einer Nutzungsform wie z.B. dem Gewerbe oder dem Wohnungsbau (wieder) zugeführt werden sollen. Die Flächen zeigen sich in ihrem Zustand als Brache vernachlässigt und unnutzbar. Folglich bedürfen sie einer kostenrelevanten Aufbereitung, bevor eine anschließende Nutzung umgesetzt werden kann.

Typisch für diesen Standorttyp sind ein großes bauliches Entwicklungspotenzial sowie sehr unterschiedliche Vorstellungen zur Nutzbarkeit und zur Rolle im Stadtraum. Die meist exponierte Lage im Stadtraum und die damit verbundenen, oft kurzfristig eintretenden Entwicklungschancen machen diese Flächen für Investoren besonders interessant. Zudem bietet der Standorttyp die Möglichkeit der Zwischennutzung. Bei der Entwicklung innerstädtischer Brachflächen sind verschiedene ökonomische, ökologische und soziale Aspekte zu berücksichtigen, die sich teilweise entgegenstehen. Eine bauliche Entwicklung von Innenstadtbrachen stoppt die oftmals zu beobachtende Siedlungsdispersion und erhält naturnahe Flächen im städtischen Außenbereich (siehe auch Bodenschutzklausel gemäß § 1a, Abs. 2 des Baugesetzbuches). Zudem sind Innenstadtflächen für Investoren attraktiv und begünstigen somit in der Regel die wirtschaftliche Entwicklung des Stadtgebiets. Auf der anderen Seite steht bauliche Verdichtung dem Erhalt bzw. der Entwicklung von städtischem Grün mit seinen vielfältigen Funktionen entgegen. Des Weiteren sind mögliche Einschränkungen infolge der Zunahme von Lärm und anderen Umweltbelastungen (z.B. Feinstaub-Immissionen infolge eines erhöhten Verkehrsaufkommens) zu berücksichtigen. Diese Punkte müssen individuell und standortabhängig geklärt werden und sind nicht typisierbar.

 

Stadtlabor „Am Plan“:

Im Rahmen des Forschungsvorhabens dient als Untersuchungsgebiet für den Quartierstyp „innerstädtische Brache“ der Standort „Am Plan“ (Areal zwischen Markt und Goitzsche). Die Bitterfelder Innenstadt ist prioritärer Entwicklungsschwerpunkt der Stadt Bitterfeld-Wolfen. Sie soll zukünftig als attraktives, urbanes, mittelzentrales Handels- und Dienstleistungszentrum sowohl für die Einwohner im gesamten Stadtgebiet Bitterfeld-Wolfen als auch für die regionale Ausstrahlungskraft und zu entwickelnde Tourismusrelevanz des Einzelhandelsstandortes Bitterfeld entwickelt werden. Eine attraktive infrastrukturelle und touristische Vernetzung der Innenstadt des Ortsteils Bitterfeld mit dem Großen Goitzschesee bildet dabei das primäre Ziel der Bemühungen. Dabei werden private und öffentliche Investitionen zur touristischen Erschließung des Stadtzentrums und zur Verbesserung der Arbeits- und Wohnqualität in der Innenstadt unterstützt. Die Flächen befinden sich weitgehend im Eigentum der Stadt und einer überwiegend städtischen Wohnungsgesellschaft.

 

Kurzprofil:

  • Bedarf nach einer kostenrelevanten Flächenaufbereitung
  • aufgrund der Lage besonders attraktiv für Investoren und Touristen
  • Zielkonflikte zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten

 

Quartierstyp: Wohnsiedlung im Bestand mit Gartenstadtcharakter

allgemeine Beschreibung:

Der Quartierstyp ist ein Wohngebiet mit Einfamilien-, Doppel- und Reihenhäusern, das dem städtebaulichen Konzept der Gartenstadt folgt. Aufgrund des Wachstums von Städten infolge der industriellen Entwicklung liegen Wohnsiedlungen des genannten Typs oftmals zwischen Innenstadt und Peripherie. Die bauliche Verdichtung ist vergleichsweise gering, die Gebäudeformen entsprechen häufig einem vorgegebenen einheitlichen Muster, das sich gegebenenfalls zwischen den einzelnen Häuserzeilen unterscheiden kann, in der Summe jedoch eine architektonisch geschlossene Siedlung ergibt. Im Vergleich zu Quartierstypen wie der Großwohnsiedlung ist die Siedlungsgröße gemessen an der Einwohnerzahl niedriger. Daher kann es vereinzelt der Fall sein, dass Infrastruktur- und Versorgungseinrichtungen vergleichsweise nur eingeschränkt vorhanden sind. Dies betrifft insbesondere Aspekte wie die Verfügbarkeit von Dienstleistungen (z.B. Finanzen, Post) oder Kulturangeboten. Auf der anderen Seite bietet der Quartierstyp direkt im Quartier Möglichkeiten der Naherholung oder ermöglicht das leichte Erreichen der ländlichen Umgebung. Außerdem befinden sich die Wohngebäude in der Regel auf vergleichsweise großen Grundstücken mit Gartenflächen. Hinsichtlich des Zustands der Wohngebäude ist zu berücksichtigen, dass Gebäudeformen und Fassaden bei entsprechendem Alter von Siedlungen dem Denkmalschutz unterliegen können, so dass Sanierungs- und energetische Ertüchtigungsmaßnahmen als Rahmenbedingungen im Zuge der nachhaltigen Transformation dieses Quartierstyps berücksichtigen müssen.

Die Bewohnerstruktur ist häufig sozial und demographisch durchmischt, da über die Jahre an verschiedenen Zeitpunkten ein teilweiser Generationenwechsel vollzogen wurde. In der Regel gelten Wohnsiedlungen dieses Typs als attraktives Wohnquartier. Folglich herrscht eine rege Nachfrage und es kommt zu keinem oder nur sehr geringem Leerstand.

 

Stadtlabor „Gartenstadt“:

Die „Gartenstadt“ ist eine Werkssiedlung, die Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurde. Vorwiegend mit Doppel- und Reihenhäusern zum Teil mit Stall-/ Nebengebäuden in Versorgergärten errichtet, weist sie noch heute einen hohen Anteil von Grünflächen auf. Da der gesamte Bebauungsplan von einem Architekten entworfen wurde und die Agfa bereit war, relativ viel zu investieren, um die Arbeitskräfte zu binden und sozialen Frieden zu bewahren, wurde für jede Straße ein anderer Haustyp entworfen und glich keine Häuserzeile der anderen. Trotzdem entstand eine architektonisch geschlossene Siedlung mit Wohnhäusern für Arbeiter, Vorarbeiter/Meister und Beamte mit großen Gärten. Die gesamte Gartenstadtsiedlung mit all ihren äußeren räumlichen und architektonischen Merkmalen einschließlich der Gärten ist in ihrer Gestaltung geschützt. Die Gebietsgrenzen sowie die geschützten Bereiche wurden in einer örtlichen Gestaltungssatzung definiert, die 2018 zugunsten des strengeren Denkmalschutzes aufgehoben wird. Problematisch aus Sicht des Denkmalschutzes ist, dass es aufgrund zahlreicher Schwarzbauten (bereits aus den 1970er und 80er Jahren, dann massiv in den frühen 1990ern) kein einheitliches Erscheinungsbild mehr gibt. Zudem ist die Eigentümerstruktur geprägt durch viele Einzeleigentümer, was die Planung und Umsetzung von ganzheitlichen nachhaltigen Transformationskonzepten erschwert.

 

Kurzprofil des Quartierstyps:

  • Gartenstadtsiedlung in der Nähe zur Innenstadt und ländlichen Umgebung
  • sozioökonomisch und demographisch gemischt
  • hohe Nachfrage
  • Denkmalschutz und verteilte Eigentümerstruktur als mögliches Hemmnis für eine nachhaltige Quartierstransformation

 

Quartierstyp: Neubaugebiet

allgemeine Beschreibung:

Neubaugebiete sind Quartierstypen, die oftmals aufgrund ihrer Flächenanforderungen in peripheren Lagen entstehen, dabei dennoch eine Anbindung an die Innenstadt haben. Planungsrechtliche Festsetzungen kennzeichnen Neubaugebietsflächen in der Regel als allgemeines Wohngebiet oder Mischgebiet. Des Weiteren ist im Zusammenhang mit der Ausbreitung von Erneuerbaren Energien ebenfalls der partielle Ausweis von Flächen als sonstige Sondergebiete möglich.

Neubaugebiete können ein guter Standort für städtische Vorzeigeprojekte sein, da sie viel Spielraum bieten. Auf der anderen Seite müssen diese Quartiere aus sich selbst heraus eine neue eigenständige Identität herausbilden und in der Lage sein, lokale und ggf. überregionale Ziel- und Bewohnergruppen zu erreichen. Hierfür kommt neben der städtebaulichen Struktur und der Architektur den landschaftlichen Freiräumen und den halb öffentlichen/privaten Außenräumen eine zentrale Bedeutung zu. Diese öffentlichen Grünflächen sollen in der Regel einen Aufenthaltscharakter mit flexibler Nutzbarkeit besitzen, um die spezifischen Lebensumstände und unterschiedlichen Interessenslagen der Quartiersbewohner (Alt und Jung, Sportler, Kinder) zu berücksichtigen. Je nach Gestaltung können Neubaugebiete Familien mit Kind(ern), Ältere mit Wunsch nach Anbindung an die Innenstadt oder Alleinstehende gezielt ansprechen oder gleichzeitig verschiedene Personenkreise adressieren. Die infrastrukturelle Anbindung von Neubaugebieten wird verkehrstechnisch je nach Ausgangslage neu erschlossen oder gliedert sich in bestehende Strukturen ein. Sind lokale Gewerbeflächen vorhanden, empfiehlt es sich, die innerstädtischen gewerblichen Angebote zu ergänzen und vorrangig für eine fußläufige Erschließung zu konzipieren.

 

Stadtlabor „Krondorfer Gebiet“:

Als Untersuchungsbeispiel für den Quartierstyp „Neubaugebiet“ dient eine etwa 60.000 Quadratmeter große Fläche, die teilweise auf dem ehemaligen Kasernengelände im Ortsteil Wolfen-Krondorf liegt. Auf der Fläche ist der Bau mehrerer zwei- bis viergeschossiger Gebäude mit insgesamt knapp 200 barrierefreien Wohnungen, 30 Einfamilienhäusern und Doppelhaushälften sowie 20 Gewerbeeinheiten geplant. Ziel aus Sicht der Stadtplanung und -entwicklung ist dabei, Pendler, die außerhalb des Stadtgebiets von Bitterfeld-Wolfen wohnen und in der Stadt arbeiten, als Einwohner für die Stadt zu gewinnen und hierdurch dem demographischen Trend entgegenzuwirken sowie (Steuer-)Einnahmen für die Stadt zu generieren. Merkmale der Siedlung sind ein geschlossener Wohnpark mit Privatstraßen samt Geschwindigkeitsbegrenzung, Landschaftsgestaltung einschließlich eines Baum-/Strauch-Schutzstreifens zur angrenzenden Flächen-PV-Anlage sowie ein nach Aussagen des Investors modernes Energiekonzept. Für die Wärmeversorgung liegt ein Fernwärme-Angebot der Stadtwerke vor.

 

Kurzprofil:

  • in der Regel eher peripher gelegen
  • großer Handlungsspielraum
  • infrastrukturelle Anbindung unter Umständen hoher Kostenfaktor